Besuchsbericht 08./09.Juli 2021
Da nun auf unser Betreiben hin seit einigen Monaten bei REWE Hegemann das Fleisch aus Aktivställen (unter dem Label glücksatt) verkauft wird, sind Frau Piasetzky und ich nach Niedersachsen gefahren um uns zu vergewissern, dass tatsächlich alle beteiligten Aktivställen sowie der Schlachtbetrieb beste Bedingungen für die Tiere bieten. Schließlich geben wir unseren Namen dafür her!
Sarah Dhem, Schulte-Wurstwaren (glücksatt, Kalieber)
Sarah Dhem ist Geschäftsführerin des Familienbetriebes Schulte-Lastruper-Wurstwaren, Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie und Verbandschefin der niedersächsischen Fleischverarbeiter. Sie hat das Fleischerhandwerk gelernt, was in ihrem Fall aber nicht ausschließt, dass ihr das Wohl der Tiere am Herzen liegt.
Der Betrieb in Lastrup hat rd. 100 Mitarbeiter, von denen viele schon ein paar Jahrzehnte dort arbeiten. Werksverträge gibt es nur für das Reinigungspersonal.
Pro Woche werden rd. 80 Tiere „verwurstet“ (Schwein, Rind, Geflügel) und über die Online-Schiene Kalieber sowie die Hausmarke glücksatt vertrieben. Ein geringer Teil der Produkte ist noch konventionelle Ware; davon will man sich aber nach und nach trennen und ausschließlich auf glücksatt – also Fleisch von Tieren aus Aktivställen – setzen.
Ein ausgefeiltes Warenwirtschaftssystem stellt sicher, dass die teurere glücksatt-Ware nicht mit der konventionellen Ware vermischt wird.
Im Betrieb herrschen extreme Hygienemaßnahmen, auf Zusatzstoffe wird weitestgehend verzichtet und auch Gewürze werden nur aus unbedenklicher Herkunft verwendet (und selbst gemischt). Es riecht tatsächlich überall sehr appetitlich und so sehen auch die fertigen Produkte aus. Man merkt deutlich, dass überall auf beste Qualität geachtet wird. So erhält Schulte auch das Prädikat „higher level“ der IFS (International Featured Standard Food).
Schultes Spezialität ist Zunge, obwohl diese sehr aufwendig in Handarbeit behandelt werden muss. So ist es z.B. notwendig, jede einzelne Zunge mit einem Detektor zu überprüfen, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass ein Schwein nicht möglicherweise beim Lecken über den Boden ein kleines Metallteil aufnimmt, das dann in der Zunge steckt – und natürlich nicht in die Wurst soll.
Dass es den Tieren gut geht, liegt Sarah Dhem nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus persönlichen Gründen am Herzen und es ist ihr wichtig, dass das ganze Tier (und nicht nur die beliebten Teilstücke) verwertet wird. Auch der BVDF unterstützt weitestgehendes Tierwohl. Die Zusammenarbeit mit Gabi Mörixmann und den anderen Aktivstall-Landwirten ist ihr persönlich besonders wichtig, da diese Kriterien erfüllen, die z.B. bei der ITW oder auch dem Label des Deutschen Tierschutzbundes noch lange nicht erreicht werden.
Nico Brand, Schlachthof Brand
Der Schlachthof Brand gehört nicht zu den größten 10 der Branche, aber er hat einen hervorragenden Ruf. So werden Tiere sogar aus dem Großraum Köln/Aachen (rd. 3 Std. Fahrzeit) dorthin gebracht, wenn ein Bauer Wert darauflegt, dass seine Schweine in ruhiger, angstfreier Umgebung getötet werden. Darüber hinaus macht Brand auch möglich, dass Tiere aus besonderer Haltung – wie z.B. aus den Aktivställen – gesondert geschlachtet werden. Das BrandME-Programm (Brand meat excellenz) ist eine Dachmarke für eine Vielzahl an Spezialprogrammen, die alle aus besonderer, tiergerechter Haltung stammen und den Landwirten höhere Preise garantieren. Außerdem kümmert sich Brand in diesen verschiedenen Programmen auch intensiv darum, für dieses hochwertige Fleisch entsprechende Abnehmer zu finden bzw. umgekehrt die Abnehmer mit entsprechenden Landwirten zusammen zu bringen.
Ein Beispiel für ein solches Programm ist ein Konzept, in dem ganz ohne Antibiotika, dafür mit sehr fortschrittlichem Gesundheitsmanagement, gearbeitet wird. Für die Tierhalter hält Brand eine spezielle Versicherung bereit, damit ein Bauer, der entgegen der Vereinbarung doch einmal mehr Antibiotika einsetzen muss als vorgesehen, keine wirtschaftlichen Verluste tragen muss.
Im Schlachtbetrieb sorgt Videoüberwachung, ein Entblutungskontrollsystem, die Anstellung eigener Mitarbeiter und der Verzicht auf Akkordarbeit für eine sichere Betäubung und schmerzlose Tötung.
Betäubt wird mit einer langen (150 sec) Betäubungsdauer und deutlich über 90 % hohen CO2-Konzentration. Dies soll eine relativ kurze Zeit der Atemnot von etwa 10-15 Sekunden gewährleisten.
Die Entblutung (ca. 3 l pro Tier, wobei der Tod nach ca. 1,5 l eintritt) wird ebenso kontrolliert, wie etwa noch vorkommende Bewegungen. Nico Brand war bei der Entwicklung eines entsprechenden 3D-Kamera-Systems, das sogar einen Förderpreis erhalten hat, mit beteiligt. Denn auch ihm ist es wichtig, dass die Tiere ein gutes Leben hatten und die Schlachtung so schonend wie möglich von statten geht.
So achtet ein Tierarzt an der Abladerampe auf den Zustand der Tiere, die dann für 30 bis 120 Minuten (manchmal auch über Nacht) in einem Wartebereich zur Ruhe kommen können. Aktuell wird daran gearbeitet, diesen Wartebereich für die Schweine noch angenehmer zu machen; für ein besseres Platzangebot soll extra angebaut werden.
In kleinen Gruppen werden sie dann vor den Aufzug geführt, wo sie – wie wir erstaunt feststellen konnten – ruhig und entspannt darauf warten, den Aufzug zu betreten, der sie zur CO2-Betäubung führt. Trotz des Lärms und Blutgeruchs zeigte zu unserer Beruhigung keines der Tiere Angst oder gar Panik. Sie schauten sich nur neugierig, wie es Schweine nun mal sind, in der fremden Umgebung um.
Natürlich war der Besuch bei Brand der für uns schwerste Teil der Reise, dafür aber auch besonders wichtig. Nico Brand, der gemeinsam mit seinem Vater außerdem Gründungs- und Vorstandsmitglied des Offenstall-Vereins ist, liegt viel daran, dass es den Tieren von Anbeginn an gut geht, sie ein schönes Leben in Aktiv-, Offenstall- oder vergleichbarer Haltung haben, die Schlachtung angstfrei und professionell geschieht und auch die Verbraucher das Fleisch – also eine Ware, für die ein Tier sein Leben gelassen hat – wertschätzen.
Diesen Wunsch hat er uns glaubhaft vermittelt und durch sein Engagement für Verbesserungen auch untermauert.
Schwer für uns war es trotzdem…
Dafür war der nächste Tag umso schöner: hunderte fröhlicher, munterer Schweine in den Aktivställen herumsausen, entspannt kuscheln und all ihre angeborenen Bedürfnisse ausleben zu sehen, ist einfach nur zu schön!
Gabriele Mörixmann, Aktivstall Mörixmann
Seit unserem ersten Besuch im Sommer 2019 hat Gabi Mörixmann einige Verbesserungen in ihrem Aktivstall umgesetzt. Denn auch wenn die Familie für ihr Konzept schon viele Auszeichnungen erhalten hat, fällt ihr immer wieder Neues ein, damit es ihren Tieren noch ein bisschen besser geht, sie noch mehr Beschäftigung haben und noch glücklicher sind.
Die Aktivställe von Gabi Mörixmann und ihren Partnerbetrieben legen Wert darauf, dass jedermann sehen kann, wie es bei ihnen aussieht. Nicht nur durch Besichtigungen vor Ort, sondern insbesondere auch durch Live-Stream-Übertragung via Tierwohl-TV an den glücksatt-Fleischtheken des Einzelhandels. (So wie auch bei REWE am Gertrudisplatz in Düsseldorf-Eller.)
Auch heute konnte man wieder sehen, wie wichtig es ist, dass die Schweine tun und lassen können, was sie wollen. Das „Spaltenboden raus!“ vieler Tierfreunde ist einfach zu kurz gedacht: einige Schweine wollten draußen liegen, einige drinnen, einige auf dem kühleren Spaltenboden, andere im tiefen Stroh. Manche schliefen, manche rannten, manche kuschelten, manche suchten sich ein stilles Eckchen für sich alleine. Manche wollten duschen, andere mit Bällen spielen… Wie auch wir Menschen hat nicht jedes Schwein dasselbe Bedürfnis zur selben Zeit. Diese Individualität berücksichtigt Gabriele Mörixmann mit viel Leidenschaft und einer Energie, die ihresgleichen sucht. Und so bietet sie auch anderen Landwirten Beratungen hinsichtlich Tiersignale, Stallumbau, Ringelschwanz, freies Abferkeln u.v.m an.
So wie Florian Avermann und Mathias Bolte, die ihre ehemals konventionellen Ställe im Umland von Melle zu Aktivställen umgebaut haben. Beiden merkt man an, wie froh sie über das Konzept sind, das ihnen einen ganz neuen Umgang mit ihren Tieren ermöglicht. Wie soll einem auch nicht das Herz aufgehen, wenn man die Ferkel herumspringen, rennen, wühlen, sich wälzen und einfach ein fröhliches, sorgloses Verhalten an den Tag legen sieht.
Wie wichtig ein gutes Leben der Tiere auch in Bezug auf die Erhaltung der Ringelschwänze ist, zeigt sich deutlich bei Mathias Bolte, der erst vor relativ kurzer Zeit angefangen hat, auf Aktivstall umzustellen. Vor wenigen Tagen wurde das Dach für seinen Außenauslauf geliefert, und er musste während des Aufbaus seine Schweine für zwei Tage drinnen halten. Prompt reagierten ein paar der Tiere mit Schwanzspitzenveränderungen, was er normalerweise recht gut im Griff hat.
So sensibel sind Schweine, auch wenn sich viele Menschen das kaum vorstellen können (oder wollen?). Aber jetzt können sie wieder rein und raus, wie es ihnen gefällt; da wird sich das Schwanzbeißen schnell wieder legen. Die erfahrenen Landwirte sind zuversichtlich und haben schon ein paar pflanzliche Hausmittelchen in Petto.
Stefan Mörixmann, Hähnchenzucht Mörixmann
Während sich Gabi Mörixmann um die Schweinehaltung kümmert, betreibt ihr Mann Stefan eine Hähnchenmast mit etwa 55.000 Tieren, die als winzige Küken zu ihm kommen und dann etwa sechs Wochen lang in seinem Stall heranwachsen. Hier haben sie im Offenstallkonzept viel Platz (natürlich am Anfang mehr als am Ende), in langen Reihen angeordnete Mini-Tränken für Frischwasser, ad libitum Fütterung und leben auf Einstreu mit vereinzelten Strohballen, Tageslicht, je nach Wetter auch Frischluft und einem insgesamt auf den Bedarf ausgerichteten Klimakonzept.
Die Verladung erfolgt nachts und so ruhig, dass sie keine Angst oder gar Panik verspüren. Am Schlachthof wird dann schnell und schonend betäubt.
Es hat den Anschein, dass Stefan Mörixmann das Wohl seiner Hühnchen genau so am Herzen liegt, wie seiner Frau das Wohl der Schweine.
Alles in Allem sind wir mit einem guten Gefühl wieder abgereist. Es ist gut zu sehen, dass es trotz allem auch in der Fleischbranche engagierte Menschen gibt, denen an echtem Tierwohl – also einem artgerechten Leben von der ersten bis zur letzten Minute – gelegen ist.
Deshalb können wir mit Überzeugung hinter dem Projekt „Das Gute-Gewissen-Fleisch“ stehen. Nur vegan ist besser, und wir werden auch nicht müde, vegane Ernährung zu propagieren und zu fördern. Aber so lange noch die weitaus größte Zahl der Menschen Fleisch und Wurst isst, so lange müssen wir uns darum kümmern, dass es den Tieren wenigstens zeitlebens richtig gut geht. Die Aktivställe sind da der bei weitem beste Weg!
12.07.2021
W. Bürger


