Am 08. Und 09.November 2021 fand die Kuratoriumssitzung der Tönnies Forschung und ein Symposium statt, bei dem der Bernd-Tönnies-Preis für die beste Berichterstattung zum Thema Nutztiere verliehen wurde. Den Preis erhielt die SWR-Redakteurin Sigrid Born-Berg für ihre TV-Reportage „Ethik oder Etikettenschwindel – Biofleisch zwischen Tierwohl und Trittbrettfahrern“.
Bei dem Symposium fanden außerdem sehr interessante Vorträge von Minister a.D. Jochen Borchert zur Tierwohlabgabe, eine Diskussionsrunde mit Politikern, Landwirtschaftsvertretern und einem innovativen jungen Metzger über die Nutztierhaltung, ein Bericht über den Open-Mind-Workshop zum Thema Betäubung (siehe September) statt, und es gab Informationen über von der Tönnies Forschung geförderte wissenschaftliche Projekte.
So wurde über die „Untersuchungen zum Geburtsverlauf und zur Aufzuchtleistung von Mutterschweinen“ und die Erforschung „Gesündere Schweine durch die genetische Variabilität bei Entzündungs- und Nekrosesyndromen“ der Uni Gießen berichtet. Beides außerordentlich interessante Themen.
Zum Geburtsverlauf wurde beispielsweise festgestellt, dass
- Die Vitalität und damit auch die Überlebensrate der Ferkel abhängig davon ist, wie die Haltungsform aussieht und wie die Geburt verlaufen ist.
- Bei freier Abferkelung sind die Ferkel aus komplizierten Geburten deutlich vitaler.
- Die Sauen sind bei freier Abferkelung in deutlich besserem Zustand als wenn sie im Kastenstand gebären müssen.
- Der Geburtsverlauf wird durch Kalzium-Werte und Oxytocinausschüttung der Sau beeinflusst; dabei ist festzustellen, dass bestimmte Zuchtlinien weniger Oxytocin produzieren und die Geburten bei diesen Sauen vier bis fünf Stunden länger dauern, als üblich.
- Züchterisch ist es angestrebt, bis zu 40 (!) Ferkel pro Geburt zu erreichen. Aktuell sind es bereits über 20, und das obwohl die Sau lediglich 14 Zitzen hat, man also zur Versorgung der Ferkel auf Ammen zurückgreifen muss.
Appell der Forschenden:
Es muss aufhören, auf Riesenwürfe zu züchten. In den Ställen sollte man Bewegungsbuchten einrichten und die Sauen lediglich nach dem Werfen für ca. 4 Tage in den Kastenstand stellen um Erdrückungsverluste zu verhindern.
Prof. Dr.Dr. h.c. Hartwig Bostedt zitierte einen Satz, der bereits im 17. Jahrhundert von Jeremy Bentham geäußert wurde:
„Die Frage ist nicht, können sie denken? Oder können sie sprechen? Die Frage ist, können sie leiden?“
Zum Thema Nekrosesyndrom – also dem allseits gefürchteten Schwanz- und Ohrenbeißen – gab es ebenfalls erstaunliche Erkenntnisse:
- Fallen einem Schwein die Härchen am Rand der Ohren aus, ist das ein alarmierendes Zeichen. Denn dann sind die Ohren, die eigentlich der Kühlung des Tieres dienen, dauerhaft zu warm. Und das wiederum ist ein Anzeichen für Entzündung, aus der dann letztlich eine Nekrose (Absterben des Gewebes) entsteht.
- Die meisten Nekrosen entstehen ohne Beißen.
- Mittels Wärmebildkamera konnte gezeigt werden, dass die an den Ohren beginnende Entzündung innerhalb 48 Stunden bis zum Schwanz wandert, der dann ebenfalls nekrotisiert.
- Schwanz- und Ohrenbeißen ist ein multifaktorielles Geschehen, das durch Bewegung, Außenklima, Futter, Beschäftigungsmaterial verbessert werden kann. Dennoch kommt es auch bei bester Haltung immer wieder vor. Im Forschungsprojekt konnte nun gezeigt werden, dass die Genetik der Eber einen erheblichen Anteil daran hat, ob die Nachkommen ein Nekrosesyndrom entwickeln.
- Kupierverzicht, wie er gefordert und gesetzlich vorgeschrieben ist, ist daher nicht die Lösung!
Appell der Forschenden:
Es muss aufhören, sich bei der Zucht hauptsächlich auf Fleischfülle und Fruchtbarkeit zu konzentrieren. Zuchtlinien ohne die genetischen Merkmale, die zum Nekrosesyndrom führen, müssen Vorrang haben, um dem Leiden durch Nekrosen Einhalt zu gebieten.
Die Forschung zur Verhinderung von Nekrosen durch genetische Selektion bedarf noch weiterer Erkenntnisse und wird daher von der Tönnies Forschung auch weiterhin gefördert.
Im Kuratorium der Tönnies Forschung, wurde bei einer gemeinsamen Sitzung vor dem Symposium über laufende Forschungsvorhaben und neue Forschungsanträge beraten. Dabei sind die Themen nicht nur auf Schweine konzentriert, sondern betreffen auch Rinder und Geflügel. Es ist für uns eine spannende Aufgabe, bei der Förderung der den Tierschutz betreffenden Forschungsanträge mitzuwirken.
Clemens Tönnies lässt sich diese Forschungsvorhaben einige Hunderttausend Euro jährlich kosten, obwohl der „Werbeeffekt“ für sein von vielen Menschen verhasstes Unternehmen gering ist. Denn wer weiß schon von dieser Unterstützung der Forschung?
Stattdessen sagt er inzwischen selbst: „Wir haben es überdreht!“
Und einem der anwesenden Landwirte, der seine Sorgen und Wünsche beim Symposium äußert, gesteht Clemens Tönnies: „Die Gewinne an die Ladentheke weiterzugeben war ein Fehler. Wir müssen die Landwirte in die Lage versetzen, von ihrer Arbeit leben zu können. Die Tierhaltung und die Naturkreisläufe zu erhalten ist unsere Verantwortung.“
Da sind wir mit ihm ganz klar einer Meinung!
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