Ich wollt, ich wär ein Huhn?

1936 schrieb Peter Kreuder einen erfolgreichen Schlager, in dem der Text vorkam „Ich wollt, ich wär ein Huhn. Ich hätt nicht viel zu tun. Ich legte täglich nur ein Ei und sonntags auch mal zwei.“

Heute würde wohl niemand mehr ein Huhn beneiden – im Gegenteil: das beliebte Geflügel hat eines der erbärmlichsten Leben in der Nutztierhaltung. Unabhängig davon, ob es sich um Legehennen oder Masthähnchen handelt. Hier ein paar Fakten:

In Deutschland wurden 2020 etwa 160 Millionen Hühner, davon ca. 92,5 Millionen zum Zweck der Fleischgewinnung gehalten. Denn Hähnchen- und Putenbrust sind in.  Fast 80 % davon leben dabei in Massenställen von 50.000 bis hin zu einigen mit sogar 200.000 Tieren!

Je nachdem ob es sich um Kurz-, Mittellang- oder Langmast handelt, werden die Hühner nach 28 bis 42 Tagen geschlachtet; sie werden also nur zwischen vier und sieben Wochen alt. Bei den oftmals erschreckenden Haltungsbedingungen hat das kurze Leben oft sogar einen Vorteil: sie müssen nicht noch länger leiden…

In der gesetzlich erlaubten Haltung dürfen in der Kurzmast rd. 25 Hühner auf einem Quadratmeter leben, was für jedes Tier etwa dem Platz eines halben Din-A-4-Blattes entspricht. Angeborene Bedürfnisse wie scharren, sandbaden, sich putzen, flattern und laufen, sind da unmöglich. Die Tiere liegen also mehr oder weniger bewegungslos herum, was durch die Zucht auf viel Brustfleisch und schnelle Gewichtszunahme und die damit verbundenen Erkrankungen des Bewegungsapparates noch verstärkt wird. Die Enge und die fehlende Möglichkeit, Bedürfnisse zu stillen, führt außerdem dazu, dass das ebenfalls angeborene Bedürfnis zum Picken fehlgeleitet ausgeübt wird: sie picken sich gegenseitig, und zwar so, dass es blutige Wunden und nicht selten sogar Tote gibt.

Dem zart rosa Hähnchenfleisch, das Sie im Laden kaufen oder im Restaurant serviert bekommen, sehen Sie dieses Leid nicht an.

Genauso wenig, wie Sie dem Ei ansehen, dass seine Mutter so auf Legeleistung gezüchtet wurde, dass sie viel mehr Eier legt, als es Hühner in Freiheit tun würden. Das tut sie unter anderem weil durch manipulierte Beleuchtung dem Huhn suggeriert wird, ein neuer Tag wäre angebrochen, obwohl in Wirklichkeit erst ein paar Stunden vergangen sind. Der Schlaf-Wach-Rhythmus der Tiere wird also massiv gestört, was wiederum Verhaltensstörungen verursacht und sie krank macht.

Die Verbraucher sehen das Leid der Hühner nicht. Kükenschreddern – dagegen lehnt man sich auf und fordert, dass es damit ein Ende hat. Artgerechte Haltung, nämlich Platz, Auslauf, Tageslicht, Ruhezeiten, die Möglichkeit zum Sandbaden, zum Nestbau, zum Picken, Scharren und Herumflattern, interessiert dagegen wenig.

Der Salat mit Hähnchen- oder Putenbruststreifen ist nach wie vor eines der beliebtesten Gerichte im Restaurant. Das Leid, das da auf dem bunten Salat liegt, lässt man sich ahnungslos schmecken. Man sieht es ihm nicht an – genauso wenig, wie die Tatsache, dass die meisten Antibiotika inzwischen nicht mehr in der Schweine- sondern in der Geflügelmast verabreicht werden. Ist ein Huhn krank (und das sind sie aufgrund der grässlichen Haltungsbedingungen schnell), kommen Antibiotika ins Stallwasser, um die mehreren Tausend anderer Tiere im Stall vorsorglich zu behandeln. Wie will man das sonst machen bei so vielen Tieren? Diese Antibiotika aber sind in Ihrem Grillhähnchen, den Chicken Nuggets, dem Hähnchenschenkel und der vermeintlich so gesunden Hühnersuppe, und treiben die Entwicklung von Resistenzen (multi-resistenten Keimen) beim Menschen munter voran.

Geflügelfleisch bedeutet ganz viel Leid beim Tier – und große gesundheitliche Gefahren für den Menschen. Das ist bei Bio übrigens nicht unbedingt besser: da die Tiere nur dann teuer verkauft werden können wenn sie nicht mit Antibiotika behandelt wurden, verzichten die schwarzen Schafe unter den Bio-Landwirten auf die eigentlich notwendige Behandlung und lassen ihre Hühner mit gebrochenen Beinen, Entzündungen und Infekten einfach so lange herumstehen, bis sie reif für die Schlachtung sind…

Nein, ganz ehrlich: ich wollte wirklich nicht, ich wär ein Huhn!