die Krone der Schöpfung

Ist der Mensch legitimiert, die Natur und vor allem die Tiere so hemmungslos auszunutzen, wie er es tut? Interessant hierzu der Kommentar der evangelischen Pfarrerin Dr.Barbara Schwahn zur Rangordnung von Mensch, Tier und Natur. (Rundfunkandacht am 09.09.2021 bei WDR 4.)

Guten Morgen,


im Sommer habe ich mal wieder ein richtiges Bad im Wald genommen! Die gute
erfrischende Luft eingeatmet, 800- und 1000-jährige Eichen bestaunt und sie auf einem
Baumwipfelpfad von oben besichtigt. Und dabei festgestellt: Baummuseen sind mittlerweile
fast ebenso beliebt wie Tierparks. Nicht erst seit Politiker Bäume umarmen und es Fridays
for future gibt nähern wir uns als Menschen der Natur wieder mehr an. Längst erforscht die
Wissenschaft, inwiefern nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen menschliche Fähigkeiten
haben. Da heißt es: Es gibt Pflanzen, die gefährliche von harmlosen Geräuschen
unterscheiden können. Bäume atmen Sauerstoff ein und gewinnen daraus Energie. Mit
ihren Wurzeln können sie tasten und schmecken. Sie pumpen das Wasser im Stamm von
unten nach oben, ähnlich wie unser menschliches Herz das Blut durch unsere Adern pumpt.
Ich finde das eine spannende Sichtweise. Der bekannte Förster und Naturschützer Peter
Wohlleben macht uns in seinen Büchern eindrücklich darauf aufmerksam: Die biologische
Rangordnung von Pflanzen, Tieren und dann dem Menschen an der Spitze der Entwicklung
als Krone der Schöpfung ist längst nicht mehr haltbar. Auch Pflanzen können Empfindungen
haben und auf sie reagieren. Wir sollten die Natur mit uns zusammen als ein System sehen,
in dem alles ineinandergreift, mahnt Peter Wohlleben. Was gut möglich ist, da wir uns – wie
er es einschätzt – gar nicht so weit von der Natur entfernt haben, wie wir meinen.

Die Rangordnung ist wie er und andere es sehen eher kulturhistorisch und religiös begründet,
nicht wissenschaftlich. In der Bibel lesen Menschen eben seit Jahrtausenden: „Seid
fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrscht
über die Fische am Meer und über die Vögel am Himmel und über das Vieh und über alles
Getier, das auf Erden kriecht. …Ich habe euch gegeben alle Pflanzen …und alle Bäume…
zu Eurer Speise. Aber allen Tieren… habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben.“ (Die
Bibel, 1. Mose 1, 28)

Diese Übersetzung, sich die Erde untertan zu machen und die Beschreibung der Nahrungskette hat zu einer regelrechten Ausbeutung der Erde für menschliche Zwecke geführt. Heute legen wir das in der theologischen Wissenschaft anders aus: Wir sind verantwortlich für diese Welt. Pflanzen und Tiere sind ebenso schützenswert und sollen ebenso in ihr leben können wie der Mensch.

Aktuell stellt sich ja wieder mehr denn je die Frage, wie wir unsere Verantwortung für die Schöpfung richtig wahrnehmen, damit sie erhalten bleibt und damit auch wir selbst. Wie wir den Klimawandel aufhalten können.

Kleine persönliche Schritte, wie weniger Fleisch essen, Bioprodukte kaufen, Kästen für Bienen und Insekten aufstellen, Wasser sparen, Fahrrad fahren und Plastiktüten
vermeiden sind sinnvoll, weil sie uns daran erinnern, uns um die Schöpfung zu kümmern,
aber sie reißen das Ruder nicht mehr herum.
Da ist jetzt Politik im großen Stil und weltweit gefragt. Es hilft aber sicher auch ein
veränderter Blick auf die Natur. Sich mehr als Teil von ihr zu verstehen, die Welt als
gemeinsamen Lebensraum für Tiere, Menschen und Pflanzen wahrzunehmen und auch so
zu behandeln. So interessante Dinge zu erfahren, wie dass es Pflanzen weh tut, wenn sie
ein Käfer anknabbert und dass Bäume schlafen, hilft mir dabei. (1)

Ihre Pfarrerin Barbara Schwahn, Meerbusch.

Quelle:
(1) Peter Wohlleben, Das geheime Band zwischen Mensch und Natur, München 2/2019, vor
allem S. 104 ff Die Grenze zwischen Tier und Pflanze fällt.